Erinnerung an die Deportation 1944: Tschetscheniens Holocaust

Genozid der TschetschenenObwohl schon viele Jahrzehnte vergangen sind, ist für die Menschen aus Tschetschenien der Zweite Weltkrieg immer noch eine unbeantwortete Frage, und diese historische Last beeinflusst unvermeidlich die Entwicklung der tschetschenischen Gesellschaft von heute. Obwohl die gegenwärtige russische Regierung bemüht ist die friedlichen Entwicklungen der letzten Zeit zu betonen, ist das Bild des Tschetschenen als „der Feind“ – ursprünglich geschaffen von den Kommunisten – lebendig und im ganzen Land heute verbreitet. Historiker, Politiker und Journalisten haben tausende Werke verfasst, die mit bewussten Lügen gefüllt sind, welche die Tschetschenen als Volk und die Gesamtheit der tschetschenischen Geschichte in einem wahrhaft schrecklichen Licht porträtieren.

Der 23. Februar ist eines der tragischsten Daten in der Geschichte der Tschetschenen und Inguschen. Bis zum russisch-tschetschenischen Krieg von 1994 waren die Tschetschenen eine kleine ethnische Gruppe, die dem Rest der Welt, auf den Hügeln des nördlichen Fußes des Kaukasus lebend, einer der entferntesten Ecken Europas, relativ unbekannt waren. Am 23. Februar 1944 wurden die Tschetschenen vom Land ihrer Vorfahren vertrieben und nach Sibirien und in die nördlichen Regionen Kasachstans deportiert. Die Gesamtheit der tschetschenischen Nation wurde beschuldigt, mit den Faschisten zu kollaborieren, auch wenn die Tschetschenen Faschisten nur von der Filmleinwand und von Kriegsberichten her kannten. Die Frontlinien der deutschen Annäherung stoppten in Mosdok in Nordossetien und erreichten Tschetschenien nie. Darum waren die Tschetschenen nicht nur unfähig mit den Deutschen zu kollaborieren, sondern sahen auch niemals einen von ihnen.

DeportationDie Tschetschenen wurden in Massen deportiert, außer einigen hundert Männern, denen es gelang, im letzten Moment in die Berge zu entkommen und die im Lauf der Jahre durch ständige Angriffe auf lokale sowjetische Institutionen versuchten, für den Tod ihrer Angehörigen  Rache zu nehmen. Die Deportation der Tschetschenen, die massivste aller sowjetischen Deportationen, fand im Verlauf nur einiger weniger Tage statt. In dieser Zeit, mitten im Winter, wurden fast 400 000 Männer, Frauen und Kinder auf Viehwaggone geladen und zu verschiedenen Orten verschickt, tausende Kilometer entfernt. Die Opfer durften nur Verpflegung für drei Tage mitnehmen und verbrachten schreckliche zwei oder drei Wochen im Transport. Tausende starben jeden Tag und die Körper wurden einfach bei jeder Bahnstation aus den Waggons geworfen. Am schnellsten erreichte der Tod die Schwächsten – die Alten und die Kinder. Laut den offiziellen sowjetischen Zahlen ging ungefähr ein Drittel der gesamten tschetschenischen Nation in den dreizehn Jahren des Exils zugrunde, aber unabhängige Forscher haben geschätzt, dass im Grund jeder zweite Tschetschene während des schrecklichen Verbrechens der sowjetischen Regierung gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung gestorben ist.

Viele Tschetschenen haben in Wahrheit in den Frontlinien des sowjetischen Krieges gegen die deutschen Aggressoren gekämpft. Tausende Tschetschenen starben am Schlachtfeld, viele wurden Kriegshelden. Die lange Liste der tschetschenischen Kriegshelden beinhaltet die ersten Soldaten, die die Befestigungen von Brest erreichten, wo über zweihundert Tschetschenen für ihr Land kämpften. Einige bekannte tschetschenische Soldaten:  Khanpasha Nuradilov starb in Stalingrad, nachdem er mehr als 900 Deutsche getötet hatte; Movlad Bisaitov war der erste, der die Amerikaner an der Elbe getroffen hat; Hakim Ismailov war einer der Männer, die die sowjetische Fahne am Reichstag hissten; und Alavdi Ustarkhanov (Andre) kämpfte in der französischen Resistance. Jedoch alle diese Männer starben in ungeklärten Umständen, absichtlich versteckt oder manchmal getötet, sodass in späteren Jahren nicht einmal deren pure Existenz als Anklage gegen das sowjetische Regime verwendet werden konnte.

Fünfzig Jahre später, am 24. Februar 2004, hat das Europaparlament gemeint, dass „die Deportation der gesamten tschetschenischen Nation nach Zentralasien am 23. Februar 1944, die von Josef Stalin angeordnet wurde, ein Akt von Genozid war“. Die heute lebenden Tschetschenen können nicht anders als sich mit ihren Landsleuten, die während der Deportation lebten, zu vergleichen. Auch heute hat Russland bewirkt, indem es diesen letzten Krieg entfesselte, dass jeder zehnte Tschetschene getötet wurde, dass jeder dritte das Territorium der Republik fliehen musste und weitere zehn Prozent Asyl in Europa suchen um dem Regime zu entkommen, das sie heute verfolgt, genauso wie es in der Vergangenheit der Fall war. In der tschetschenischen Republik gibt es über zehntausend Kriegsverletzte, einige tausend sind invalide Kinder (viele mit fehlenden Gliedmaßen) und fast zwanzig Prozent der Bevölkerung leidet an Krankheiten und benötigt medizinische Hilfe.

1944 sahen sich die Tschetschenen als Kollaborateure der Faschisten beschuldigt, aber in diesem Krieg besteht ihr Vergehen darin, in Verbindung mit den Kräften des internationalen Terrorismus zu sein. Grosny, eine Stadt mit 400 000 Einwohnern, wurde von der Landkarte gewischt, während die Führer derjenigen Staaten, die als Verfechter der Menschenrechte gelten, daneben standen und applaudierten. Menschen wurden überall und auf alle möglichen Arten getötet, während alle europäischen Gesellschaften verwirrt beobachteten, wie die Gewalt der russischen Führer gegen Frauen, Kinder und Alte gerichtet wurde, weil sie alle als Terroristen betrachtet wurden. Es alarmiert, dass die Menschen der Generation, die die Deportation überlebten, sagen, dass das Leben in Tschetschenien jetzt mehr Angst bereitet, als die schrecklichen Jahre von 1944 bis 1956.

Heute, im pseudo-demokratischen Russland, werden in Übereinstimmung mit den Wünschen des Kreml potemkinsche Dörfer errichtet. Was können einige Dutzend neue Häuser und einige hundert Kilometer neu gepflasterte Straßen am vom Krieg heimgesuchten Tschetschenien ändern? Was kann das an der vom Kreml ausgehenden Unterdrückung ändern?  Die angewandten Lektionen der sowjetischen Schule des gewaltsamen Erzeugens von „geliebten und respektierten“ Führern, weit verbreitete Drohungen und endloser Druck können die Probleme der tschetschenischen Gesellschaft nicht lösen! Diese Probleme werden ignoriert und den Ambitionen gewisser Führer geopfert, sodass sie bei der kleinsten Gelegenheit in Form von Massenverwirrungen hervorbrechen.

Russland kann es sich nicht leisten, zu Gunsten von Ramsan Kadyrow zu entscheiden [Der Text wurde vor der Kür von Ramsan Kadyrow zum kommissarischen Präsidenten geschrieben], auch wenn er erreicht hat, was Präsident Putin „die Staunen machenden Leistungen der tschetschenischen Regierung“ (Radio Swoboda, 2. Februar) genannt hat.  Das Spiel zwischen Alu Alchanow und Ramsan Kadyrow ist nur eine Verzögerungstaktik des Kreml. Eventuell wird einer der beiden entfernt und dann wird der Überlebende eventuell von jemand ersetzt, der noch unterwürfiger ist. Es geht nur darum, einen guten Kandidaten zu finden, der Moskau im Spiel bleiben lässt, da das Ziel des Kremls vermutlich ist, einen loyalen Funktionär und nicht einen militärischen Kommandanten zu finden. Ramsan Kadyrow wurde in einer Kriegs-Ära geboren, was garantiert, dass er als ziviler Führer nicht lange überdauern wird.

Wahrscheinlich wird es wieder fünfzig Jahre dauern, bis die internationale Gemeinschaft die Dinge beim richtigen Namen nennt und bestätigt, dass Russland gegen das tschetschenische Volk KriGenozidegsverbrechen verübt hat – gegen ein Volk, das zwei militärische Feldzüge erdulden musste, die 100 000 Tote und einige hunderttausend Verkrüppelte und Traumatisierte zurückgelassen haben. Wenn sich Europa heute mit dem Schicksal des Kosovo beschäftigt, scheint es nötig, die Europäer daran zu erinnern, dass auch die Tschetschenen Bewohner des europäischen Kontinents sind, die ihr vom Krieg zerrissenes Land in Richtung Europa verlassen haben, anstatt sich nach Osten zu wenden und die sich bewusst entschieden haben, europäische Werte anzunehmen. Sie wegzustoßen und als Nicht-Europäer zurückzuweisen, wäre ein Verbrechen, das die europäischen Führer erklären müssten.

Mayrbek Vachagaev ist Doktoratsstudent der Sozialwissenschaften an der Universität Paris. Er ist Autor des Buches „Tschetschenien in den Kaukasuskriegen des 19. Jahrhunderts“.

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