Nordkaukasien – von Widerstand geprägt

Von Uwe Halbach

Die Region Nordkaukasien umfasst im engeren Sinne sieben Teilrepubliken mit nichtrussischen Titularnationalitäten (namengebenden Völkern) und ethnisch gemischter Bevölkerung. Es handelt sich dabei in West-Ost-Richtung um

  •     Adygien (Hauptstadt Maikop),
  •     Karatschai-Tscherkessien (Hauptstadt Tscherkessk),
  •     Kabardino-Balkarien (Hauptstadt Naltschik),
  •     Nordossetien-Alanien (Hauptstadt Wladikawkas),
  •     Inguschetien (Hauptstadt Magas),
  •     Tschetschenien (Hauptstadt Grosny) und
  •     Dagestan (Hauptstadt Machatschkala)

mit insgesamt über 6,5 Millionen Menschen. Zum Nordkaukasus gehören weiterhin die südrussischen Gebietseinheiten Krasnodar (Einwohnerzahl: 5,1 Millionen), Stawropol (2,7 Millionen) und Rostow (2,7 Millionen). Mit einer Gesamtbevölkerung von rund 17 Millionen Menschen wird die Region im weitesten Sinne heute mit dem Südlichen Föderalbezirk gleichgesetzt, einer von sieben unter Präsident Wladimir Putin im September 2000 geschaffenen administrativen Großregionen der Russischen Föderation. Zu diesem Föderalbezirk gehören noch die Republik Kalmykien (Einwohnerzahl: 292400) sowie die Gebiete Astrachan (eine Million) und Wolgograd (2,7 Millionen). Wenn von gegenwärtigen Problemen Russlands im Nordkauskasus die Rede ist, wird dies überwiegend auf den Gürtel aus sieben Teilrepubliken im Süden der Region bezogen.

Das Kaukasusvorland war eine der bedeutendsten Landwirtschaftszonen der ehemaligen Sowjetunion. Andere Teile des Gebietes (Tschetschenien, Stawropol, Kubangebiet) sind aufgrund von Erdölvorkommen auch von industrieller Bedeutung. In nachsowjetischer Zeit wuchs die strategische Bedeutung des Nordkaukasus als Transitregion für Erdöl aus dem kaspischen Raum über das Territorium Russlands (Pipeline von Baku zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk).

INHALT

  1. Bevölkerungsbewegung
  2. Ethnische und sprachliche Vielfalt
  3. Historische Entwicklung
  4. Sezessionskonflikt mit Tschetschenien
  5. Politische und ökonomische Besonderheiten

1. Bevölkerungsbewegung

Die Bevölkerungszahlen für Nordkaukasien beruhen auf dem neuesten russländischen Zensus von 2002. Dessen Angaben sind aber in Bezug auf Tschetschenien (1,1 Million) zweifelhaft, da dort nach zwei Kriegen und gewaltigen Fluchtbewegungen die Einwohnerzahl deutlich unterhalb der Millionengrenze liegt. Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in den einzelnen Gebietseinheiten hat sich im ersten nachsowjetischen Jahrzehnt durch Wanderungen verändert.

So ist der russische Anteil in einigen Teilrepubliken stark zurückgegangen. In Dagestan ist er von ehemals zwölf auf unter sechs Prozent gesunken. In Tschetschenien, wo Anfang der neunziger Jahre noch über 300000 Russinnen und Russen lebten, ist heute nur noch eine winzige russische Restbevölkerung anzutreffen. Eine große russische Bevölkerungsmehrheit gibt es in Adygien, deren adygeisches „Titularvolk“ eine Minderheit in der nach ihm benannten Republik bildet.

Im Gegenzug ist eine wachsende Migration aus den genannten kaukasischen Teilrepubliken in die Regionen Stawropol und Krasnodar zu verzeichnen. Dabei ist das Potenzial für Konflikte zwischen kaukasischen Volksgruppen und der russischen Bevölkerung dieser Regionen, in denen sich auch das Kosakentum neu organisiert hat, gewachsen. Besonders in Krasnodar kam es zu Reibereien zwischen Kosaken und kaukasischen Migranten. Im Zentrum der nordkaukasischen Bevölkerungsbewegung stand die Massenflucht (von mehr als 300000 Menschen) aus dem von zwei Kriegen heimgesuchten Tschetschenien. Zeitweise bestand in Inguschetien die Bevölkerung während des zweiten Tschetschenienkriegs (seit 1999) deshalb zu einem Großteil aus Flüchtlingen.

2. Ethnische und sprachliche Vielfalt

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Der Nordkaukasus hebt sich durch die große Zahl seiner Volksgruppen und Sprachen unter allen Landesteilen der Russischen Föderation hervor. In Dagestan ist diese Vielfalt mit mehr als dreißig einheimischen Volksgruppen mit eigener Sprache am stärksten ausgeprägt. 14 davon gelten als Hauptnationalitäten der Republik und sind politisch insofern repräsentiert, als sie ein kollektives Staatsoberhaupt – ein Staatsrat genanntes Präsidialkollegium – bilden. Aus Gründen ethno-politischer Balancewahrung verzichtet Dagestan als einzige Teilrepublik der Russischen Föderation auf das Amt eines Präsidenten.

Das politische Verhältnis zwischen den Ethnien ein und derselben Gebietseinheit ist mitunter gespannt. Dies zeigte sich zum Beispiel in der binationalen Republik Karatschai-Tscherkessien, in der Karatschaier mit über 40 Prozent die Mehrheitsgruppe bilden, gefolgt vom russischen Bevölkerungsteil. Die andere namengebende Nationalität, die Tscherkessen, machen kaum zehn Prozent der Republikbevölkerung aus. Sie fühlten sich 1999 bei der Präsidentenwahl in der Republik von der karatschaiischen und russischen Mehrheit politisch derart an den Rand gedrängt, dass sie dies in Protestaktionen gewaltfrei zum Ausdruck brachten.

Die nordkaukasischen Völker hatten vor 1917 kaum ein partikulares Nationalbewusstsein entwickelt. Dies geschah erst in sowjetischer Zeit. Die sowjetische Nationalitäten- und Territorialpolitik hat hier eine fragwürdige „nationale Abgrenzung“ betrieben und ethnisch definierte Autonome Republiken (AR) und Autonome Gebiete (AG) mitunter willkürlich aus dem kaukasischen Völkerlabyrinth herausgestanzt. So wurden durch Schaffung der beiden binationalen Einheiten Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien verwandte Ethnien (Kabardiner/Tscherkessen, turksprachige Karatschaier/Balkaren) administrativ getrennt und nichtverwandte zusammengeführt. Dabei kam es durch die Verklammerung von Bergvölkern mit Talvölkern in nationalen Gebietskörperschaften zu Spannungen. Deportationen ganzer Völker und ihre Repatriierung, die Auflösung und Wiedererrichtung ihrer Gebietskörperschaften bewirkten ein Hin und Her im ethno-territorialen Gefüge der Region und erzeugten Konfliktpotenziale, die sich teilweise erst beim Zerfall der Sowjetunion entzündeten.

Die nordkaukasische Bevölkerung gehört drei größeren Sprachenfamilien an: der indo-europäischen, der altaiischen und der eigentlichen kaukasischen (ibero-kaukasischen). Zur ersten gehören neben der russischen Sprache das Armenische und iranische Sprachen wie ossetisch, zur zweiten die Turksprachen (wie zum Beispiel karatschaiisch und balkarisch). Am stärksten ist die Familie der kaukasischen Sprachen untergliedert. Sie unterteilt sich in westkaukasische (abchasisch-adygeische Gruppe, etwa abchasisch, kabardinisch, tscherkessisch) und ostkaukasische Sprachen (nachische Gruppe mit tschetschenisch und inguschetisch, dagestanische Gruppe). Zu ihr kommt die Gruppe der südkaukasischen Sprachen hinzu, die überwiegend in Georgien verbreitet sind. Bei der hohen Zahl an Einzelsprachen gab es in Kaukasien stets Verkehrsprachen, um die Kommunikation über engere lokale Grenzen hinweg zu ermöglichen. Dazu gehörten neben dem Russischen die Turksprachen und in Dagestan, wo es in vorsowjetischer Vergangenheit eine relativ breite religiöse Bildungsschicht gab, auch das Arabische.

Die ethnische Vielfalt ist durch innerkaukasische, teilweise auf Druck äußerer Mächte ausgelöste Wanderungen und Zuwanderung von außen (russische Kolonisation) entstanden. Ihrer religiösen Zuordnung nach sind die meisten nordkaukasischen Ethnien muslimisch geprägt, blicken in ihrer Geschichte aber auch auf Phasen der Christianisierung zurück. Das ossetische Volk ist die einzige alteingesessene Ethnie der Region, deren Mehrheit heute der christlich-orthodoxen Kirche angehört. Einige Völker wie das tschetschenische, inguschetische und balkarische traten erst zu einem relativ späten Zeitpunkt im 17. bis 18. Jahrhundert zum Islam über. Am frühesten wurde der Islam in Dagestan verwurzelt. Religiös-politische Konflikte resultierten in jüngster Zeit aus der Herausforderung der traditionellen Volksreligiosität durch teilweise von außen beeinflusste fundamentalisch-islamistische Strömungen, die den lokalen Brauchtums-Islam (wie Sufi-Orden und Heiligenkulte) als „heidnisch“ denunzieren.

3. Historische Entwicklung

Als mit der russischen Armee im 19. Jahrhundert im Dienste des Zaren stehende Völkerkundler in die Region kamen, waren sie von der Vielfalt historischer Entwicklungszustände bei den dortigen Völkern fasziniert. Neben sozialen und politischen Systemen mit starker Ständegliederung und feudaler Fürstenherrschaft fanden sie politisch dezentral organisierte und freie Gemeinden vor. Gebirgszüge trennten die Volksgruppen voneinander. Dennoch gab es wirtschaftliche und kulturelle Berührungen zwischen ihnen, die sich in ähnlichen kulturellen, sozialen und gewohnheitsrechtlichen Institutionen (Ältestenrat, Blutrache, Rituale der Gastfreundschaft) widerspiegelten. Anders als im Südkaukasus, wo Georgier, Armenier und Aserbaidschaner auf frühe Staatsbildungen zurückblicken, gab es im Nordkaukasus keine Staatenbildung auf einheimischer Grundlage, die über engste lokale Grenzen hinausreichte. Wenn nordkaukasische Völker in größere staatliche Zusammenhänge integriert waren, dann handelte es sich um externe Reichsbildungen wie zuletzt das Zarenreich und die Sowjetunion.

Widerstand gegen russische Kolonialisierung

Die Berührung mit Russland beginnt im 16. Jahrhundert mit der Gründung von Kosakengemeinden an den Flüssen Terek und Kuban. Im 17. und 18. Jahrhundert kommt es zu wichtigen Veränderungen – einerseits zur verstärkten Verbreitung des Islam unter den Bergvölkern, andererseits zur Ausweitung russischer Kolonisation im Vorgebirge. Der Widerstand gegen die systematische russische Expansionspolitik regte im 19. Jahrhundert ein gewisses Maß politisch-religiöser Einigung unter den Bergvölkern an. Die Kaukasuskriege zwischen 1817 und 1864 schleusten einige hunderttausend russische Soldaten durch die „kaukasische Gefechtsschule“ und belasteten die Finanzen des Zarenreichs. Während die südkaukasischen Länder schon weitgehend unter zaristische Herrschaft gelangt waren und die Kaukasusarmee vor allem in Georgien Quartier bezog, leisteten nordkaukasische Muslime den vehementesten Widerstand, auf den Russland in seiner gesamten Kolonialgeschichte seit dem 16. Jahrhundert gestoßen war.

In Dagestan und Tschetschenien wurde dieser Widerstand von Imamen geleitet und als Ghazawat (von arab.: ghazw = Angriff, Expedition) definiert. Gemeint war damit der militärische Aspekt von Dschihad als bewaffneter Glaubenskampf, der besonders im Fall der Abwehr eines Angriffs durch eine nicht-islamische Macht zur religiösen Pflicht wird. In Europa und besonders in England, das sich in kolonialer Konkurrenz mit Russland um die Herrschaft im Vorderen Orient und in Indien befand, wurde der Widerstand der Dagestaner und Tschetschenen unter der Führung des Imam Schamil gegenüber der russischen Kaukasusarmee zwischen 1834 und 1859 aufmerksam verfolgt. Auf seiner Basis entstand auf dem Gebiet der heutigen Teilrepubliken Dagestan und Tschetschenien ein regelrechter „islamischer Staat“ (Imamat) im östlichen Nordkaukasus. Im westlichen Teil der Region kämpften einheimische Volksgruppen – in Europa kollektiv als „Tscherkessen“ bezeichnet – mit türkischer und britischer Unterstützung gegen russische Festungen am Schwarzen Meer und hielten den Widerstand auch nach der Kapitulation Schamils noch fünf Jahre lang aufrecht.

1864 gilt als das Jahr für die Unterwerfung der gesamten Region unter die zaristische Oberherrschaft. Nachfolgend versuchte Russland seine neuen Herrschaftsgebiete im kaukasisch-kaspischen Raum zu „befrieden“: Dies geschah teils durch Verdrängung ihrer Bevölkerung mit Hilfe der Ansiedlung russischer Kolonisten (vor allem im Westteil), teils durch Zusammenarbeit mit den Adelsschichten einiger Völker, zum Teil aber auch durch brutale Strafexpeditionen. Die tscherkessische Volksgruppe, bis dahin die zahlenmäßig stärkste im Nordkaukasus, wurde bis auf einen geringen Überrest (1897: 44000) aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als eine Million kaukasische Muslime flohen in Gebiete des Osmanischen Reichs. Ihre Nachfahren leben heute vor allem in der Türkei, in Jordanien und anderen Teilen des Mittleren Ostens (zwischen 3,5 und fünf Millionen Menschen). Statt eine nachhaltige „Befriedung“ der Region zu erreichen, war die russische Kolonialherrschaft immer wieder mit aufflackerndem Widerstand konfrontiert.

Sowjetische Herrschaft

Nach 1917 kam es zu kurzlebigen Staatsbildungen auf autonomer Grundlage (1918 „Imamat der Bergvölker“, „Nordkaukasische Föderative Republik“ im Westen, 1919 „Nordkaukasisches Emirat“ im Osten) . Im November 1920 wurde die Sowjetrepublik der Bergvölker (Gorskaja Respublika) ausgerufen, wobei Dagestan einen eigenen Republikstatus erhielt. Aus der neuen Bergvölker-Republik wurden in den folgenden Jahren einzelne autonome Gebiete und Republiken im Bestand der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ausgegliedert. Die bis dahin vorwiegend russischen Verwaltungskader wurden im Zuge der Leninschen Nationalitätenpolitik der „Einwurzelung“ durch Einheimische ersetzt. In den Schulen gab es Unterricht in lokalen Sprachen, die in vielen Fällen erstmals auch schriftlich kodifiziert wurden. Doch gegen Ende der zwanziger Jahre griffen die sowjetischen Behörden immer brutaler in die Lebensverhältnisse der kleinen Völker ein, um ihre Vorstellungen von „Modernisierung“ und Gleichschaltung durchzusetzen. Sie beseitigten lokale Rechts- und Verwaltungsorgane, autonome Dorfgerichte und islamische Bildungs- und Rechtsinstitutionen. 1928 begann die Kollektivierung der Landwirtschaft, die im Nordkaukasus mit Zwangsumsiedlungen von Gebirgs- in Talregionen begleitet war.

Die Antwort auf diese gewaltsamen Eingriffe war eine Serie von Aufständen 1928 bis 1931, die nach sowjetischen Quellen als „Banditentum“ bezeichnet wurden. Die sowjetischen Machtorgane führten eine „allgemeine Operation zur Ausmerzung antisowjetischer Elemente“ im Nordkaukasus durch. In Tschetschenien setzten sich die Unruhen jedoch bis in die Zeit des „Großen Vaterländischen Krieges“ (1941-1945) fort. Seit Januar 1940 formierte sich hier erneut bewaffneter Widerstand unter Führern wie dem Schriftsteller Hassan Israilow.

Den Höhepunkt stalinistischer Gewalt markierten die Deportationen ganzer Völker in den Jahren 1943/44. Es begann mit der Zwangsumsiedlung des karatschaiischen Volkes vom November 1943 bis Februar 1944 (rund 70000 Deportierte). Dann folgten im Februar 1944 Tschetschenen und Inguschen (380000 bzw. 91000 Deportierte) und im März 1944 Balkaren (rund 37000 Deportierte). Diese nordkaukasischen Völker stehen in einer Reihe mit anderen unterdrückten Volksgruppen, die dem stalinistischen Deportationsterror anheim fielen – darunter Deutsche (1,2 Millionen von 1941-1944), Krimtataren (mehr als 200000 im Mai 1944) und südkaukasische Ethnien. Die Deportierten wurden unter entsetzlichen Umständen bei Frost, in überfüllten Güterzügen und Viehwaggons mit den Aufschriften „Banditen“ und „Volksfeinde“ nach Zentralasien und Sibirien transportiert. Bei diesem Massentransport in die Deportationsgebiete kam ein beträchtlicher Teil der Deportierten ums Leben, weitere starben nach der Ankunft. Allein die Stärke des tschetschenischen Volkes nahm zwischen den Volkszählungen von 1939 und 1959 um 22 Prozent ab. Bis heute gilt der 23. Februar in Erinnerung an die Deportation 1944 in Inguschetien und Tschetschenien als Volkstrauertag.

Dieser Akt genozider Gewalt ging mit dem Verbot jeder weiteren Erwähnung der deportierten Völker einher. Doch selbst unter diesen Umständen wahrten insbesondere das tschetschenische und inguschetische Volk an ihren Deportationsorten in Usbekistan und Kasachstan ihr kulturelles und religiöses Erbe und entwickelte dort so etwas wie nationalen Zusammenhalt. Der Schriftsteller Alexander Solschenizyn hob die tschetschenische Nation als eine hervor, die sich in der Deportation am konsequentesten weigerte, „die Psychologie der Unterwerfung zu akzeptieren“. Ihre zunächst illegale Rückwanderung nach dem Tode Stalins 1953 verdeutlichte diesen Widerstandswillen.

In der Zeit nach Stalin wurden zwar die meisten deportierten Völker rehabilitiert und in ihre Heimat zurückgelassen. Neue Konflikte waren jedoch bereits vorprogrammiert. Denn nach ihrer Deportation waren Territorien ihrer autonomen Gebietskörperschaften teilweise an umliegende Verwaltungseinheiten übertragen worden und bei ihrer Rückkehr stießen die Deportierten mit den Ansprüchen der Neuansiedler zusammen. Das begründete territoriale Revisionsansprüche, die nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder virulent wurden, und zum Beispiel 1992 zu einem blutigen Konflikt zwischen Inguschen und Osseten um einen Gebietsteil bei Wladikawkas führten.

Zugleich bemühten sich die sowjetischen Behörden in der Zeit nach Stalin, die Bergvölker von ihrer Kultur und Geschichte und vor allem von der Erinnerung an den Widerstand ihrer Vorfahren zu trennen. So wurde 1950 der Ghazawat, der bis dahin auch in sowjetischen Geschichtsbüchern noch als „antikolonialer Widerstand“ gegolten hatte, in einen Aufstand reaktionärer volksfeindlicher Kräfte umgedeutet. Doch nationale und religiöse Traditionen entzogen sich der behördlichen Kontrolle: Nordkaukasische Muslime praktizierten außerhalb offizieller religiöser Verwaltungs- und Bildungsorgane einen Brauchtums-Islam, der von Traditionen und Organisationsformen des Sufi-Ordenswesens geprägt war; ein beträchtlicher Teil der Gläubigen – vor allem im östlichen Teil der Region (Dagestan, Tschetschenien) – war in religiösen Bruderschaften (tariqat) organisiert.

Souveränitätsbestrebungen in der Russischen Föderation

Nach der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 sah sich die Politik in Russland unter dem neuen Präsidenten Boris Jelzin mit erheblichen Übergangsproblemen konfrontiert. Dies galt besonders für die kaukasische Peripherie, da Moskau gegenüber dieser problematischen Region keine konsequente und kohärente Politik praktizierte. In dieser Periode nahm der eskalierende Konflikt mit Tschetschenien seinen Ausgangspunkt.

Mit der Verstärkung nationaler Bewegungen unter den Völkern der sich auflösenden Sowjetunion und später innerhalb der Russischen Förderation gerieten auch die ethno-politischen und territorialen Verhältnisse im Nordkaukasus in Bewegung. Im nordkaukasischen Völkerlabyrinth tauchten zahlreiche nationale Volksfronten auf, die für die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Belange ihrer jeweiligen Volksgruppe eintraten, wobei es zu gegenläufigen Prozessen kam: Einerseits gerieten politische Organisationen einzelner Volksgruppen untereinander in Konflikt oder begaben sich, wie im Falle Tschetscheniens, in Konfrontation zur geschwächten russischen Zentralgewalt. Andererseits versuchten transethnische regionale Bewegungen die Völker auf der Basis historischer, kultureller und religiöser Gemeinsamkeiten zu vereinigen. Aber mannigfache interethnische Spannungen und Konflikte in der Region ließen solche Einigungsideen als utopisch erscheinen. Die Kämpfe zwischen Osseten und Inguschen um den Bezirk Prigorodnyj bei Wladikawkas machten dies 1992 deutlich. Sie waren aus Moskauer Sicht „der erste bewaffnete Konflikt auf dem Territorium Russlands“ nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Dem Trend der Unionsrepubliken folgend, gaben seit 1990 auch autonome Gebiete und Republiken der RSFSR von Karelien im Norden bis zur kaukasischen Peripherie im Süden Souveränitätserklärungen ab. Unter „Souveränität“ verstanden sie dabei nicht die volle staatliche Unabhängigkeit unter Lostrennung von Russland, sondern lediglich den Anspruch auf mehr kulturelle, wirtschaftliche und politische Autonomie. Unter diesen Erklärungen befand sich auch eine „Deklaration über die staatliche Souveränität der Tschetscheno-Inguschischen Republik“ vom 27. November 1990. Sie erregte bei der allgemeinen „Souveränitätsparade“ kaum Aufmerksamkeit. Doch in der Folgezeit entwickelte sich zwischen diesem Landesteil und Moskau der blutigste Konflikt innerhalb der zerfallenen Sowjetunion.

4. Sezessionskonflikt mit Tschetschenien

Entscheidend für die Nationalbewegung in der Tschetscheno-Inguschetischen Autonomen Republik wurde hier das Auftreten eines sowjetischen Generals, Dschohar Dudajew (1944-1996), der tschetschenischer Abstammung war. Er vertrat eine Generation deportierter Tschetschenen, die außerhalb Tschetscheniens aufgewachsen waren und ihr Berufsleben in verschiedenen Teilen der Sowjetunion verbracht hatten. Dudajew hatte auf seinem letzten Militärposten in Estland eine antisowjetische Unabhängigkeitsbewegung erlebt und nahm diese Erfahrung nach Tschetschenien mit. Dort setzte er sich an die Spitze des radikalen Flügels der Nationalbewegung, der im Sommer 1991 im „Kongress des tschetschenischen Volkes“ die Mehrheit erlangte. Im Zusammenhang mit politischen Umwälzungen in der Sowjetunion infolge des gescheiterten Putschversuchs restaurativer Kräfte gegen den sowjetischen Partei- und Staatschef Michail Gorbatschow (August 1991) kam es in Tschetschenien zu einem radikalen Machtwechsel. Nachdem in der gesamten Sowjetunion konservative Machteliten, die den Moskauer Putschisten ihre Sympathie erklärt hatten, kompromittiert waren, zwang die Bewegung Dudajews daraufhin die kommunistische Republikführung in Tschetschenien zum Rücktritt. Der russische Präsident Jelzin bezeichnete diesen Schritt noch als „Sieg demokratischer Kräfte“, hatte sich doch Dudajew gegen die restaurativen Putschisten gestellt. Als dieser dann aber eigenmächtig das tschetschenische Republikparlament (Sowjet) auflöste, forderte die russische Führung ultimativ die Durchführung regulärer Parlamentswahlen und die Entwaffnung illegal bewaffneter Gruppen in Tschetschenien. Die russischen Medien thematisierten die Beziehungen zu Tschetschenien und warnten in Erinnerung der vergangenen Kaukasuskriege vor einer Gewaltanwendung in der Region.

Dudajew verkündete am 1. November 1991 nach seiner Wahl zum Präsidenten die staatliche Unabhängigkeit der „Tschetschenischen Republik“. Dies war mit der Trennung vom inguschetischen Landesteil verbunden, der später – ausdrücklich als Bestandteil der Russischen Förderation – zur „Republik Inguschetien“ konstituiert wurde. Als Reaktion darauf erklärte die Führung in Moskau sowohl die Präsidentenwahlen als auch die tschetschenische Unabhängigkeitsdeklaration für illegal. Ein Versuch der russischen Regierung, die staatliche Ordnung durch Intervention von Sicherheitstruppen wiederherzustellen, scheiterte kläglich. Bis Ende 1991 wurden die Organe der föderalen Gewalt in der abtrünnigen Republik aufgelöst, im Frühjahr 1992 zogen die letzten dort stationierten russischen Truppen ab. Alte sowjetische Waffenbestände waren nun dem Zugriff der bewaffneten Nationalgarde Dudajews preisgegeben.

Es folgte eine zweijährige Periode ungeklärter Verhältnisse zwischen Moskau und Grosny. In diese Zeit fielen eine Reihe bilateraler Abkommen zur Machtabgrenzung zwischen der Kreml-Führung und den regionalen „Föderationssubjekten“ – die zum Beispiel der Republik Tatarstan weitreichende Autonomiebefugnisse einräumten – bis hin zu schließlich einem neuen Föderationsvertrag Russlands. Allerdings beteiligte Tschetschenien sich nicht an diesem Föderalisierungsprozess.

In der abtrünnigen Republik vollzogen sich unter dem Eindruck einer gravierenden Wirtschaftskrise politische Machtkämpfe zwischen Dudajew und oppositionellen Kräften. Das ökonomische Rückgrat Tschetscheniens bestand in der Ölförderung und -verarbeitung, die hochgradig von der Gesamtindustrie der ehemaligen Sowjetunion und Russlands abhängig waren. Dudajew wollte aus Tschetschenien „ein zweites Kuwait“ machen. Dies zeugte von einer maßlosen Verkennung der ökonomischen Lage, denn die Bedeutung der lokalen Ölindustrie war schon zuvor zurückgegangen, der größte Teil der öffentlichen Wirtschaft lag brach und die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe. Die in ganz Russland expandierende Schattenwirtschaft und Wirtschaftskriminalität breitete sich in Tschetschenien besonders stark auf alle Lebensbereiche aus.

1992 gab sich Tschetschenien eine Verfassung als „unabhängiger demokratischer Staat“. Als Dudajew 1993 die neue Verfassung in Richtung einer Präsidialautokratie verändern wollte, kam es zum Bruch mit dem Parlament und zu einem weiteren Staatsstreich des ambitionierten Ex-Generals. Sein autoritäres Regime widersprach der historischen Tradition der Tschetschenen, die sich nie freiwillig einer zentralisierten politischen Gewalt unterworfen hatten. Das Land spaltete sich politisch zunehmend auf in das nördliche Tiefland, dessen Bevölkerung in stärkerem Maße Bindungen zu Russland unterhielt, und das südliche Gebirgsland (Stammesgebiet Itschkerija), das der radikalen Sezessionsbewegung Rückhalt gab. Doch auch die Opposition gegen Dudajew war durch ihre politische und stammesmäßige Spaltung geschwächt. In Verkennung ihres Gewichts setzte Moskau auf den Sturz Dudajews durch Unterstützung der Opposition mit geheimdienstlichen und militärischen Mitteln. Eine Oppositionsoffensive scheiterte jedoch Ende November 1994, wobei auch russische Offiziere und Soldaten in Gefangenschaft gerieten. Dies gab den Anstoß für eine Entscheidung im Sicherheitsrat in Moskau zur direkten Militärintervention, die sich die Verantwortlichen als einen „kleinen und erfolgreichen Krieg“ vorstellten.

Russlands Niederlage im ersten Tschetschenienkrieg

Nach dem Beginn der Militärkampagne am 11. Dezember 1994 erlebten die russischen Truppen beim Sturm auf Grosny bald ihre ersten Niederlagen. Die Einnahme der Hauptstadt Tschetscheniens band wochenlang die russischen Streitkräfte und prägte durch deren Vorgehen in der Öffentlichkeit ein Bild sinnloser Gewalt. Dieser Krieg forderte zigtausende Todesopfer und löste gewaltige Flüchtlingsströme aus. Die Nachbarrepublik Dagestan als Hauptaufnahmeland der Flüchtlinge hatte die größte Mühe, sich aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten. Feldkommandeure wie Schamil Bassajew und Salman Radujew bewiesen mit groß angelegten Geiselnahmen außerhalb Tschetscheniens, wie verletzbar Russland an seiner Südperipherie war. Insgesamt kamen rund 100000 russische Soldaten auf einem Territorium von der Größe Schleswig-Holsteins zum Einsatz, während auf der Gegenseite kaum mehr als einige Tausend Mann unter Waffen standen.

Dieser Krieg wurde zum Modellfall für einen asymmetrischen Kampf, bei dem sich die materiell unterlegene, aber stärker motivierte Konfliktseite durchsetzte. Im August 1996 nahmen tschetschenische Kämpfer Grosny überraschend wieder ein. General Alexander Lebed, der kurz zuvor von dem im Wahlkampf stehenden Präsidenten Jelzin zum Bevollmächtigten für Tschetschenien ernannt worden war, nahm auf dessen Geheiß Verhandlungen mit dem Oberkommandierenden der tschetschenischen Kämpfer, Aslan Maschadow, auf. Das Ergebnis war ein Abkommen für einen Waffenstillstand. Die russische Armee zog sich daraufhin gedemütigt aus Tschetschenien zurück. Ihre Militärs entwickelten eine Dolchstoßlegende, wonach schwache Politiker und Kapitulanten sie an einem Sieg gehindert hätten.

Am 12. Mai 1997 wurde das Kriegsende durch einen Friedensvertrag zwischen der Russischen Föderation und Tschetschenien besiegelt, in dem die Regelung des politischen Status Tschetscheniens (Autonomie im Bestand der Russischen Föderation oder staatliche Unabhängigkeit) zunächst ausgeklammert und bis 2001 vertagt wurde. Beide Seiten vereinbarten, Konflikte künftig unter Verzicht auf militärische Gewalt in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des internationalen Rechts auszutragen. Die Regierung in Grosny sah durch diesen Vertrag Tschetschenien als Völkerrechtssubjekt und damit als unabhängigen Staat bestätigt, während Moskau nach seiner Lesart die Unabhängigkeit der Kaukasusrepublik nicht anerkannt hatte.

Zwischenkriegszeit bis zum Herbst 1999

Tschetschenien, das sich nun „Tschetschenische Republik Itschkerija“ nannte und mit dem Namenszusatz (Itschkerien als südliches Stammesgebiet bot der Sezessionsbewegung besonderen Rückhalt) seinen Unabhängigkeitswillen verstärkt bekundete, hatte sich zwar faktische Unabhängigkeit von Russland erkämpft, konnte daraus aber weder äußere Souveränität durch internationale Anerkennung noch innere Konsolidierung durch eine einigermaßen tragfähige Staatsbildung ableiten. Außenpolitisch war Moskau auf die internationale Isolation der Republik bedacht, die kein Staat der Welt mit Ausnahme des Talibanregimes in Afghanistan als unabhängigen Staat anerkannte. Bei den im Januar 1997 unter Aufsicht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) durchgeführten Präsidentenwahlen ging der populäre Kandidat Aslan Maschadow als Sieger hervor, der den Ruf eines pragmatischen Politikers und Militärs genoß. Doch Maschadow konnte das Gewaltmonopol einer legitimen Regierung in dem verwüsteten Land nicht durchsetzen. Folgende Gründe waren dafür ausschlaggebend:

  • Tschetschenien war durch den Krieg zerstört worden und bedurfte umfassender Wiederaufbauhilfe. Seine schon vorher geschwächten wirtschaftlichen Grundlagen waren bis auf einige verschont gebliebene Erdölanlagen vernichtet. Die in den Waffenstillstands- und Friedensabkommen mit Russland vereinbarten Wiederaufbauhilfen blieben jedoch weitgehend ebenso aus wie ausländische Investitionen, an die wegen der internationalen Isolation und der prekären Sicherheitslage der Republik nicht zu denken war.
  • Die Feldkommandanten aus dem ersten Tschetschenienkrieg traten machtvoll als autonom handelnde Akteure mit eigenen Interessen auf. Sie waren zum Beispiel die Herren über lokale Erdölbohrstellen und andere Objekte von Kriegsökonomie und dachten nicht daran, ihre Gefolgschaften zu entwaffnen. Ihre Eigenmächtigkeit verhinderte, dass die Regierung unter Maschadow ihr Gewaltmonopol über das gesamte Territorium Tschetscheniens ausdehnen konnte.
  • Vor dem Hintergrund materiellen Elends und fehlender Staatlichkeit gedieh die Wirtschafts- und Gewaltkriminalität. Perspektivlose Jugendliche schlossen sich Kriegsherren wie Schamil Bassajew und Arbi Barajew an, die vom illegalen Handel mit Ölprodukten, Drogen und Menschen lebten. Vor allem häuften sich die Fälle von Geiselnahmen und Menschenhandel, zu deren Opfern sogar Entwicklungshelfer gehörten. Die Vertreter internationaler Organisationen zogen sich daher aus Sicherheitsgründen aus der Region zurück.
  •  Seit 1998 verschärfte sich die Konfrontation zwischen dem Präsidenten Maschadow und seinen radikalen Opponenten, die sich auf militant antirussische und islamistische Positionen bezogen (so zum Beispiel Schamil Bassajew und Mowladi Udugow).
  • Die Staats- und Rechtsorgane wurden „islamisiert“ (Einführung von Scharia-Gerichten, Veränderung der Verfassung von 1992, Ausrufung einer „islamischen Republik“). Diese politische Instrumentalisierung des Islam wurde von Regierung und Opposition gleichermaßen betrieben, da Maschadow mit ihr seinen radikalen Gegnern Wind aus den Segeln nehmen wollte. Islamistische Feldkommandanten sowie „Mudschaheddin“ aus arabischen Ländern traten dennoch mit Dschihad-Parolen gegen die Regierung auf und warfen Maschadow vor, die Verständigung mit Russland zu suchen. Sie gründeten Organisationen, die den „antikolonialen Dschihad“ in den gesamten muslimischen Teil Kaukasiens tragen wollten. Dabei schätzten sie freilich das Potenzial für einen islamisch begründeten Aufstand gegen Russland in Nachbarregionen wie Dagestan falsch ein. Auch in Tschetschenien selbst stand der Großteil der Bevölkerung einem islamischen Radikalismus ablehnend gegenüber.

Ein Übergriff islamistischer Feldkommandeure (Schamil Bassajew, Emir Chattab) von Tschetschenien auf Dagestan im August 1999 stieß auf vehemente Ablehnung in der Bevölkerung der Nachbarrepublik und auf den militärischen Widerstand russischer Truppen. Zusammen mit Bombenanschlägen im Inneren Russlands, für die russische Behörden tschetschenische Terroristen verantwortlich machten, lieferte dieser etwa dreiwöchige „Dagestankrieg“ Moskau den Vorwand, zum zweiten Mal mit einem massiven militärischen Vorgehen in Tschetschenien zu intervenieren. Geplant war dieser zweite Tschetschenienkrieg freilich schon zu einem früheren Zeitpunkt.

Zweiter Tschetschenienkrieg

Die zweite Militärkampagne wurde als Kampf gegen lokale Terroristen und ihre ausländischen Komplizen deklariert, von denen vor allem aus dem islamischen Ausland bereits im ersten Tschetschenienkrieg Mitkämpfer aufgetaucht waren. Ihr Beginn fiel mit dem Aufstieg Wladimir Putins an die Spitze der russischen Führung zusammen. Die Begründung der Aktion – Schaffung verfassungsmäßiger Verhältnisse in Tschetschenien und Schutz der lokalen Bevölkerung vor Gewaltakteuren – wurde durch die Realität vor Ort konterkariert. Die föderalen „Ordnungskräfte“ in Tschetschenien verstrickten sich selbst in ungezügelte Gewalt und Gesetzlosigkeit. Nach Beendigung der massiven Kriegsphase, in der Grosny in Schutt und Asche gelegt wurde, geriet die schutzlose Zivilbevölkerung zwischen die Mühlen: hier russische Truppen, die Häuser durchkämmten, junge Männer aufgriffen und verschwinden ließen, dort tschetschenische Untergrundkämpfer, die zunehmend zu einem Terrorismus übergingen, der auch die eigenen Landsleute nicht schonte. Gleichzeitig entstand eine Kriegsökonomie, in der russische Militärangehörige mit ihren bewaffneten Gegnern kooperierten und zum Beispiel illegal gewonnenes Erdöl verschoben.

Seit dem Jahr 2000 verkündete die russische Regierung die „Normalisierung“ in Tschetschenien, übertrug 2001 die Leitung der „Anti-Terror-Operation“ vom Verteidigungsministerium an den Inlandsgeheimdienst FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) und kündigte 2003 an, sie an das Innenministerium zu übergeben. Diese Normalisierungsfiktion wurde jedoch durch permanente Gewaltaktivitäten widerlegt: auf der Seite der russischen Streitkräfte durch so genannte „Säuberungsaktionen“ und „Sondermaßnahmen“, mit denen die Zivilbevölkerung terrorisiert wurde, auf der Gegenseite durch sich häufende Attentate, bei denen immer öfter Todesopfer in der Zivilbevölkerung zu beklagen waren.

Seit 2002 traten dabei zunehmend Selbstmordattentäter (so genannte Märtyrer) in Erscheinung, darunter in wachsender Zahl Frauen, die sich angeblich für die von russischen Streitkräften begangene Gewalt an ihren Familien rächen. An Kampf- und Gewaltaktionen beteiligte Frauen übernehmen hier Funktionen, die nicht zu ihrer traditionellen, auf Haushalt und Friedenswahrung bezogenen Rolle in der familien- und sippenorientierten patriarchalischen tschetschenischen Gesellschaft passen. Diese Veränderung zeigt, wie sehr diese Gesellschaft durch die dauerhafte Gewalt seit 1994, besonders aber im zweiten Krieg seit 1999 deformiert wurde. Frauen übernehmen Männerrollen, weil ihre männlichen Verwandten verhaftet, entführt oder getötet wurden.

Chancen einer „politischen Lösung“

Die von Präsident Putin präsentierte „politische Lösung“ enthält folgende Elemente: ein bereits im März 2003 durchgeführtes Verfassungsreferendum, ein Amnestieprojekt, einen Gewaltteilungsvertrag zwischen Moskau und Grosny sowie Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Tschetschenien. Sie wird vielfach skeptisch beurteilt, da sie auf ein Statthalterregime unter dem bisherigen tschetschenischen Verwaltungschef Ahmad Kadyrow setzt, obwohl die Bevölkerung ihm nicht vertraut. Trotzdem wählten ihn am 5. Oktober 2003 mehr als 80 Prozent zum Präsidenten, nachdem aussichtsreichere Bewerber von der Wahl ausgeschlossen worden waren, wie der seit 1999 in den Untergrund abgetauchte Maschadow, oder ihre Kandidatur zurückgezogen hatten. Eine ernst gemeinte politische Lösung müsste zunächst den terroristischen Charakter der „Anti-Terror-Operation“ überwinden und die russische Armee im Kaukasus disziplinieren, Vertrauen durch wirksame Wiederaufbaumaßnahmen schaffen und der lokalen Bevölkerung eine wirkliche Wahl zwischen alternativen Kandidaten für ein tschetschenisches Präsidentenamt bieten. Das kann aber kaum geschehen, wenn die politischen Konfliktgegner – als Terroristen abgestempelt – von vornherein aus jeglichem Friedensprozess ausgeklammert werden.

5. Politische und ökonomische Besonderheiten

Unter den Landesteilen der Russischen Förderation wird keiner so stark hervorgehoben wie der nordkaukasische, wenn es um Herausforderungen an die innere und äußere Sicherheit Russlands und seine strategischen Interessen geht. Diese Hervorhebung ist in mehrfacher Hinsicht begründet:

  •  Geopolitisch durch die Tatsache, dass Nordkaukasien nach dem Zerfall der Sowjetunion zur exponiertesten Grenzregion Russlands geworden ist. Mit seinen nordkaukasischen Teilrepubliken und Regionen ragt Russland in die Gesamtregion Kaukasien hinein, die einerseits von besonderer Konfliktdichte, andererseits von der Konkurrenz äußerer Akteure (Russland, USA, Türkei, Iran) um strategischen, politischen und wirtschaftlichen Einfluss geprägt ist. Die Staatsgrenze zwischen der Russischen Föderation und unabhängig gewordenen Sowjetrepubliken – hier Georgien und Aserbaidschan – verläuft in einer Region, in der sich Moskau in besonderem Maße strategischen Anfechtungen ausgesetzt sieht. So werden in russischen Kommentaren radikalisierende Einflüsse aus dem islamischen Ausland auf muslimische Gläubige des Nordkaukasus moniert. Gleichzeitig wird das Interesse wirtschaftlicher und politischer Akteure aus dem Westen kritisiert, den Transit kaspischer Energierohstoffe über russisches Territorium zu unterbinden und auf andere Kanäle umzuleiten, wie dies zum Beispiel beim Bau der Pipeline von Baku über den Südkaukasus zur türkischen Mittelmeerküste vorgesehen ist.
  •  In sozialökonomischer Hinsicht durch Verarmung der kaukasischen Peripherie und hohe Abhängigkeit der dortigen „Föderationssubjekte“ vom föderalen Zentrum. Dagestan deckt seinen Republikhaushalt zu 85 Prozent aus Bundesmitteln. Wirtschaftsreformen und Privatisierungsmaßnahmen vor allem in der Landwirtschaft stießen hier auf Widerstand (86 Prozent der Bevölkerung sprachen sich in Umfragen gegen Privateigentum an Grund und Boden aus). Die Wirtschaftskrise verstärkte die schon in sowjetischer Zeit gewachsene Arbeitsmigration aus dem Nordkaukasus in zentralere Regionen Russlands. Eine wirtschaftliche Rehabilitation Tschetscheniens wird Mittel erfordern, die Russland allein kaum aufbringen kann. Die größte ausländische Geberin im Nordkaukasus ist bislang die EU. Seit 1999 hat sie für die Kriegsopfer und Flüchtlinge in Tschetschenien und die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan rund 110 Millionen Euro an humanitärer Hilfe bereitgestellt. Eines ihrer Hauptziele in diesem Zusammenhang ist die Rückführung der Flüchtlinge. Von ihnen verharrt bislang der Großteil (etwa 90 Prozent) in Inguschetien unter schlimmsten Bedingungen, weil die Verhältnisse in der Heimat noch völlig unsicher sind.
  • Sicherheitspolitisch durch die besonderen Krisenlagen und Gewaltpotenziale in diesem Landesteil. Im gesamten Nordkaukasus ist die Verbreitung von Waffen und die Häufigkeit von Gewalttaten besonders hoch. Allerdings verläuft in dieser Hinsicht ein deutliches Spannungsgefälle in Ost-West-Richtung. Der größte Teil terroristischer Gewalttaten, die in Russland in den vergangenen Jahren verzeichnet wurden, ging von Tschetschenien und seiner unmittelbaren Nachbarschaft aus. Dazu kommt eine Verflechtung zwischen nord- und südkaukasischen Konflikt- und Krisenzonen über einige Scharnierstellen wie das seit 2001 international bekannt gewordene Pankisi-Tal im georgisch-tschetschenischen Grenzgebiet, wo sich unter einer Stammbevölkerung aus Georgiern und Kisti (tschetschenischstämmige Volksgruppe) sowie Flüchtlingen aus Tschetschenien verschiedene bewaffnete Gruppen eingenistet haben. Ohne eine friedliche Lösung des Tschtschenienkonflikts wird aber eine Stabilisierung der gesamten Region Nordkaukasus kaum möglich sein.

Quelle: BPB / Bundeszentrale für politische Bildung

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